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Master thesis

Der fünfte Dorfteil

Im Rahmen dieser Masterarbeit wird das Fabrikareal der Tuchfabrik von Trun neu interpretiert und folgt fortan nicht mehr der bisherigen inneren Logik des Produktionsprozesses. Der Komplex wird  auf kleine Einheiten heruntergebrochen, die allesamt durch ihre eigene Türe von aussen erschlossen werden können. Diesen Türen kam bisher nur eine untergeordnete Rolle zu als Hinterein- oder Ausgänge für die Fabrikarbeiter. Eine Trägerschaft vergibt diese einzelnen Einheiten an Einzelpersonen oder Gemeinschaften, die sich je nach Vorhaben eine Einheit nach ihren Bedürfnissen für fünf oder dreissig Jahre im Baurecht mieten können. So kann beispielsweise eine städtische Wohnbaugenossenschaft Ferienwohnungen auslagern, die von den Genossenschaftlern für einige Zeit zu ihrer Wohnung dazugemietet werden können. Das Leben der Genossenschaft verlagert sich zeitweise nach Trun und füllt den wachsenden neuen Dorfteil mit Leben.

Das Potential der anderen vier Dorfteile ist durch ihre Struktur ausgeschöpft, weshalb sich diese seit Jahrzehnten nicht mehr wesentlich verändern. Sie sind ihrer ursprünglichen Nutzung, die durch das damalige Sozialmodell entstand, überdrüssig geworden. Im Bauerndorf stehen noch immer dicht aneinander gedrängt Bauernhäuser neben Ställen. Die Gässchen sind eng und hin und wieder öffnet sich ein Vorplatz, der den Bauern zur Verrichtung ihrer alltäglichen Arbeit diente. In den Wohnhäusern aber wohnen keine Bauern mehr und die Ställe stehen leer. Die heutige Nutzung entspricht nicht mehr der Geschichte. Auch das Areal der ehemaligen Tuchfabrik, welches mitten in Trun schon seit Jahrhunderten für industrielle Zwecke genutzt wurde, ist diesem Wandel zum Opfer gefallen. Die industrielle, wie auch die alpine Brache, ruft nach einer neuen Erfindung, die nicht auf jene überholte Sozialmodelle zurückgreift.

Wie die Fabrik damals die Kombination von regional und global, von weltoffen und gleichzeitig lokal verankert, in sich vereinigte, entwickelt sich der fünfte Dorfteil zu einem Brennpunkt für den Austausch zwischen der lokalen Bevölkerung und Neuzuzüger. Ein grossstädtisches Flair, welches zu den Blütezeiten der Tuchfabrik geherrscht haben solle, wie Zeitzeugen zu erzählen pflegen, wird wieder Einzughalten in den Räumlichkeiten der ehemaligen Tuchfabrik Truns.

Fünf Dorfteil
Auf der Siegfriedkarte von 1873 wirkt Trun als geschlossenes Dorf. Mit Ausnahme weniger Häuser ist das Siedlungsgebiet auf die Westseite der Ferrera beschränkt. Sowohl der ältere Teil des Strassendorfes als auch der bäuerlich geprägte alte Dorfkern haben bereits ihre heutige Ausdehnung erreicht. An der Stelle der Tuchfabrik Truns ist ein grosses, aus zwei parallel stehenden Trakten bestehendes Gebäude eingezeichnet.

Im ISOS – dem Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung – wird Trun durch das Nebeneinander von zwei sehr unterschiedlichen Dorfteilen charakterisiert. „Entlang der 1840 bis 1857 erbauten Kantonsstrasse dehnt sich ein aussergewöhnlich gut ausgeprägtes, etwa 650 Meter langes Strassendorf aus, mit einem klaren Schwerpunkt an seinem westlichen Ende“ an dem eng gedrängt diverse Feudalbauten eine klare Front zur Strasse hin ausbilden. Hier ist dieser „neue“ Siedlungsteil verzahnt mit dem alten, ursprünglichen Bauerndorf. Rechts neben dem bäuerlichen Dorfteil befinden sich grosse, von Bruchsteinmauern umfriedete Flächen, die seit Jahrhunderten als solche bestehen und ursprünglich als „Bäumgärten“ mit diversen Obstbäumen angelegt wurden. Diese Flächen sind auch heute noch in ihrer ursprünglichen Form vorhanden und gehören vorzüglich zu einem der Herrschaftshäuser in der nahen Umgebung.  Direkt daneben befindet sich die eben schon genannte schwach ausgeprägte Terrasse in direktem Anschluss zum Ferrerabach. Diese beherbergt die Gebäude der ehemaligen Tuchfabrik. Obschon die Fabrik erst 1912 gegründet wurde, sind die ältesten Bauten wohl schon vorher für Industrie genutzt worden, wie dies auf der Siegfriedkarte ersichtlich wird.

Trun wird vom ISOS als Dorf mit ausserordentlich hohen räumlichen Qualitäten eingeschätzt, vor allem durch die deutiche Gliederung in einen bäuerlichen Dorfteil und einen verkehrsorientierten Strassendorfteil. Die ebenfalls ausserordentlich hohen architektur-historischen Qualitäten  sind die Folgen der allgemein bedeutenden Bausubstanz, angefangen bei der Kirche, dem Hof, der Kapelle St. Anna und Patrizierhäuser, über die zahlreichen Strickhäuser im bäuerlichen Dorfteil bis zu den klassizistischen Bauten des 19. Jahrhundert entlang der Strasse. Allen verschiedenen Teilen ist ein geschlossener Architekturstil zuzuordnen. Dies beruht vor allem auch auf einen ausgeprägten „links und rechts schauen“ und einem gewissen Willen zur Adaption. So gibt es diverse Elemente – manche sehr klassisch, manche aber auch auf künstlerische Weise interpretiert – die sich immerzu innerhalb der einzelnen Dorfteile wiederholen. Im ganzen Dorf stösst man auf dieses Element des gesprengten Dreiecksgiebels, zum Teil in gemalter Form, hin und wieder aber auch in steinerner Ausführung.

Das Bauernhaus
Eng zusammengeballt  und unbekümmert stehen die Wohnhäuser und Ställe nebeneinander, meist in derselben Front. Der Strickbau ist so gut wie allgemein. Der unterste Balken ist geschnitzt und die Konsolen bemalt. Mögen sie mit ihren schüchternen oder erbaulich verzierten Giebeln und Simsbalken, mit ihren Gewettköpfen und den neckisch blinzelnden Reihenfenstern, ihren lebhaft spielenden Platten- oder Schindeldächern unscheinbar wirken, so ist doch alles echt und währschaft an ihnen, überlegt bis in Einzelheiten und angepasst dem bäuerlichen Alltag wie der fröhlichen Feierstunde.

Der Eingang liegt seitlich parallel zur engen Gasse und führt über eine Treppe durch eine kleine Vorlaube in das erste Obergeschoss geradewegs in die Küche. Der Küchenteil, meist in der Nordecke angeordnet, bildet – der Feuersicherheit wegen – oft einen gemauerten Kern. Der Platz vor dem Haus ist für den Bauern von grosser Wichtigkeit. Er ist nicht nur Lagerplatz für Bau- und Brennholz, Steine und andere Materialien, sondern oft auch Arbeitsplatz für die Schafschur oder Metzgete. Die Bank vor dem Hause gehört zum Bauernhaus. Meist in der Nähe der Haustüre lokalisiert, ist sie ein Ort der Geselligkeit und der Ruhe, darum heisst sie Scherzhaft die Lügenbank. Dort verbringt der Bauer den Feierabend; dort sitzen die Alten auch tagsüber an der Sonne, und die Hausfrau findet das Bänklein praktisch zu manchen Verrichtungen, wie Blachen flicken, Ziegen melken oder Kartoffeln verlesen.

Das Feudalhaus
Das Bürger – oder Feudalhaus, in den Bünden immer aus dem Bauernhaus heraus gewachsen, hatte die Disposition zu allen Dingen der Zimmermanns- und Schreinerkunst als Erbgut mitbekommen. Die oft an prominenter Stelle angebrachten Wappentafeln weisen als Bauherren dieser Häuser Vertreter jener aristokratischen Geschlechter aus, welche die Geschichte Graubündens zur Zeit des Freistaats der drei Bünde lenkten. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wird der an italienischen Palazzi orientierte Mittelkorridor, bei dem die Räume entlang eines gewölbten Flurs aufgereiht sind, zum bevorzugten Modell der Bündner Aristokratie.

Eine ausgeprägte Neigung zur Schlankheit, zur Überwindung der Schwere der Baumasse ist ihnen eigen. Der Baustoff wird jedoch nicht etwa gefälscht, die Häuser bleiben mächtige Steinbauten romanischen Stammes, mehr sehnig als massig, mehr hochgewachsen als breitlastend. Der Sinn für das Dach als architektonisches Moment gibt der Architektur dieses Gebietes die eigentliche Dialektfärbung und zeichnet sich von jener rein romanischen Observanz scharf ab.

Krüppelwalmdach, Seitengiebel, Kreuzdach, stark ausgebildete Dachgauben, Türmchen mit Zwiebelhaube sind Zeichen einer bewegten, malerischen Dachgestaltung.

Das Strassendorfhaus
Eine repräsentable Front – dicht an die Strasse gebaut – steht neben der anderen. Über die schmuckvolle mittig gelegene Eingangstüre, die von den drei obligaten Stufen zur Strasse hin begleitet wird, erschliessen sich über mehrere Geschosse die Wohnungen. Die Eingangstüre wird durch einen kunstvollen schmiedeisernen Balkon gekrönt. Die Fenster sind harmonisch angeordnet und unterliegen einer strickten Ordnung, die sich bis unter das Dach zieht. Sie sind reich verziert mit Malereien und steinernen Fenstergiebeln. Die Front ist wichtig, hier darf nicht gespart werden. Das Innere und auch die anderen drei Fassaden, sofern man sie von der Strasse aus nicht sieht, werden zurückhalten gestaltet. Früher noch beherbergte das Erdgeschoss zahlreiche Kolonialwarenläden, die von Durchreisenden gerne besucht wurden. Die Lukmanier- respektive Oberalproute mit einer wichtigen  Postkutschenstelle im Zentrum Truns brachte dem Dorf regen Durchgangsverkehr und dem Strassendorf und seinen schmuckvollen Häuser die verdiente Beachtung.

Das Einfamilienhaus
Es spielt unbewusst damit, den Betrachter zu verwirren. Scheint es äusserlich dem Strickbau eines klassischen Bauernhauses zu ähneln, ist beim zweiten Blick einfach festzustellen, dass es mehr Schein als Sein ist. Das Haus steht mittig auf seiner vielleicht doppelt so grossen Parzelle. Rundherum ist es grün. Ein Sitzplatz hinter dem Haus lädt zum Sonnentanken ein. Das Haus ist nicht gross, vielleicht zwei Geschosse, allerhöchstens drei.

Die Fabrik und ihre innere Logik
Das Fabrikensemble besteht  aus sieben grösseren Baulichkeiten und einzelnen kleineren Anbauten. Über Jahrhunderte hinweg, ist das Areal gemeinsam mit der Produktin gewachsen und wurde fortan den jeweiligen Bedürfnissen angepasst. Heute wirkt das Areal wie eine heterogene Ansammlung von Gebäuden, die einerseits stark an die herkömmliche Fabrikarchitektur angelehnt sind, teilweise aber auch einen sehr wohnlichen Charakter aufweisen. Entgegen der Äusseren Gestalt der Gebäude, die eine gewohnt vertikale Erschliessung erwarten lässt, ordnen sich diese einer übergeordeten Logik unter. In Form eines Rundgangs schreiten man durch die einzelnen Gebäude bis man schlussendlich wieder in demjenigen angekommen ist, in dem man den Komplex betreten hat. Diesmal aber befindet man sich auf der obersten Etage und nicht mehr wie am Anfang im Erdgeschoss. Der gesamte Komplex ist auf eine optimale Produktion ausgerichtet. Als unbearbeiteter Rohstoff gelangt die Wolle ins das Gebäude und kommt als fertige Masskonfektion am anderen Ende wieder heraus.

Bei genauerem hinsehen aber, stösst man auf zahlreiche Türen, die einem erlauben, praktisch jede Etage von aussen separat erschliessen zu können. Die Türen weisen eine unglaubliche Vielfalt auf. Von schmuckvoll verzierten schmiedeisernen Vordächer über schwere Rundbogentüren zu einfachen Brettertüren.

Die Türen der Tuchfabrik
Jedes einzelne Geschoss des Komplexes ist über seine eigene Türe von aussen her zugänglich, Die Baulichkeiten sind optimal in das Terrain eingebettet und werden dadurch von jeder Seite des Areals erschliessbar.

Die Eingangsbereiche bestimmen, wie ein Bauwerk wahrgenommen wird. Die Türen wecken Assoziationen zu schon Bekanntem und lassen einem den Raum dahinter mit einer gewissen Erwartung betreten. Die Türen bestimmen, ob wir uns eingeladen fühlen, welche Nutzung und welche Raumproportionen wir dahinter erwarten. Es hängt also von dem Wunsch nach Öffnung und Öffentlichkeit oder Rückzug und Privatsphäre ab, wie der Zutritt zu einem Gebäude gestaltet wird. So gibt es zweiflüglige Türen, die nur durch das Öffnen beider Flügel einen Zutritt gewehren und so dem Eintritt etwas zeremonielles verleihen. Auch eine Klinke kann durch ihre Beschaffenheit und ihre Masse einiges hierzu beitragen. Wenn wir also Türen sehen, entwickeln wir gleichermassen eine gewisse Ertwartung von dem Dahinterliegenden.

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